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 |  | | Trainer - Tom Dorrance |  |  | | Trainerporträt - Tom Dorrance |  | | Tom Dorrance ist ungewollt zur Legende geraten. Wer den alten Mann mit einem Pferd gesehen hat, schwärmt, er krieche in die Haut des Pferdes. Könne fühlen, wie ein Pferd fühlt. Denken, wie ein Pferd denkt. Wisse, wann und wie sich ein Pferd bewegen wird, bevor das Pferd den Entschluß zu dieser Bewegung faßt. Selbst die schwierigsten Pferde folgten ihm willig, ohne Zwang und nach kurzer Zeit. Er schaffe das absolute Verständnis zwischen sich und dem Tier. Ein Wunder, das ihm auch mit Katzen, Hunden und Kindern gelinge. Der alte Mann fühlt sich solcher Begeisterung nicht gewachsen. "Vielleicht ist es besser, von mir zu hören, als mich zu finden." Der Satz hat eine Berechtigung. |  | | Tom Dorrance ist 87. Er müht sich seit wenigstens 40 Jahren um das Verständnis erwachsener Menschen. Für drei Tage im Monat, jeden Monat in einem anderen Stall der Vereinigten Staaten. Es wollen mehr Menschen mit ihren Pferden zu ihm, als er annehmen könnte. Sie zahlen ihm 300 Dollar und hoffen, dass er ein Wunder vollbringt an ihrem Pferd, damit sie mit dem Tier zurechtkommen können. Dorrance will ihnen mehr geben: Die Erkenntnis, auf der seine "Wunder" gründen. "Nicht die Pferde verhalten sich unnatürlich, sondern der Mensch. Wenn ihr zurechtkommen wollt, müßt ihr euch ändern, nicht die Pferde." Die Mehrzahl der Menschen zieht vor, weiterhin an ein Wunder zu glauben. |  | | Tom Dorrance war immer ein kleiner Mann; das Alter hat ihn noch um ein paar Zentimeter geschrumpft. Er trinkt nichts als Wasser und Orangensaft. Er trägt Wrangler, "Pro - Rodeo - Cowboyschnitt" - Jeans; derbe, tintenfarbene Hosen mit orangenen Nähten und Nieten, wie sie die Rancharbeiter seit mehr als einem Jahrhundert tragen. Darüber eine kurze Windjacke in abgetragenem Blau. Auf seinem Altmännerkopf verblaßt der Stetson zur Selbstverständlichkeit. Er hat sein Geld auf Ranches verdient. Doch wenn einer ihn einen Cowboy nennt, erstarrt er für einen schrecklichen Augenblick. Er zieht scharf die Luft ein und atmet zwei Sätze stoßweise aus: "Ich bin kein Cowboy. Ich habe niemals versucht, ein Cowboy zu sein." "Cowboys", sagt er, "gibt es im Film. Ich bin nicht aus einem Film; mich gibt es wirklich." |  | | Tom Dorrance kannte den Begriff "Pferdeflüsterer" nicht, bis ein Herr ihn besuchte in seinem Haus in den kalifornischen Bergen. Er sagte, er plane ein Buch über ein Mädchen und dessen Pferd, aber er habe keine Ahnung von Pferden; ob Dorrance ihm etwas erzählen könne? Dorrance hoffte, seine Erzählungen könnten dem Autor helfen, den Menschen die Pferde nahezubringen. Doch als Nicolas Evans ihm ein Exemplar seines Buches "Der Pferdeflüsterer" geschickt und Dorrance es gelesen hatte, stand er aus seinem Sessel auf, ging die wenigen Schritte zum Kamin und warf das Buch ins Feuer. Dorrance, der Menschen und Pferde mit denen er einmal gearbeitet hat, über lange Zeit nicht vergißt, vergaß den Bestsellerautor umgehend. |  | | Nur seine Frau Margaret muß sich noch manchmal ärgern. dass Evans seinen Roman Tom gewidmet hat, sagt sie, sei eine Beleidigung. Gott sei Dank sei nach der Veröffentlichung des Buches etwas Wunderbares geschehen. "Unten im Tal wollte plötzlich jeder, der irgendwann einmal etwas mit Pferden zu tun gehabt hatte, dieser Pferdeflüsterer sein; es gibt einen Haufen Leute die sagen, das Buch sei über sie." Sie lacht. "Gut für uns. Es hält Tom dieses Flüsterergequatsche vom Hals." Wenn einer Tom Dorranace fragt, was er ist, antwortet er: "Nichts. Ich ziehe es vor, gar nichts zu sein." Er sagt es gelassen. |  | | Vor einem Dreivierteljahr haben Dorrance und seine Frau zwei Haushälften hinauf in die Berge gefahren und sie zusammengesetzt, wo die "Straße der Erde", die sich aus dem Tal hinaufwindet, als "Straße des Himmels" endet auf der Ranch von Toms Bruder Bill. Das Haus ist eine schlichte Scheußlichkeit in Beige. "Gut genug für zwei alte Leute", sagt Dorrance. Sein Bruder hatte ihm das Stück Land, zwei Meilen unterhalb seines eigenen Hauses, vor Jahren schon angeboten. "Aber erst, als Tom alt genug ist, dass er sich um Haus und Garten nicht kümmern braucht, nimmt er Bills Angebot an." Margaret fletscht ihre Zähne und lacht; sie ist zwanzig Jahren jünger als er. |  | Ein Kerl von einer Frau in Rodeojeans und kariertem Hemd, das Haar kurz und grau. Sie schlendert, ihre Hände hinten in ihren Hosentaschen; mit ihren Stiefelspitzen wirft sie den Dreck in die Luft. Sie säubert sich mit ihren Fingernnägeln die Zähne. Sie gibt vor, wortkarg zu sein. Doch wenn sie einmal ins Reden kommt, kann sie sich kaum halten. Vor allem redet Margaret gern über Tom. Die beiden haben sich spät gefunden; Tom war schon 56. Er sagt, diese Dame sei in sein Leben gekommen, indem sie ein Problem vortäuschte mit ihrem Pferd. "Was für ein Quatsch", knurrt Margaret sanft. "Ich hatte nicht nötig, so etwas vorzutäuschen; ich hatte echte Probleme genug." "Bevor ich wußte wie mir geschah, hatte sie mir die Augen verbunden, mir ein Halfter über den Kopf gezogen und mich gesattelt. Wissen Sie," sagt er, "das war das Beste, das mir in meinem Leben passiert ist."   Zu Margaret und Tom gehört eine kleine, gescheckte, dreibeinige Hündin, von der das Ehepaar Dorrance lange Zeit glaubte, sie nicht gebrauchen zu können. Die Hündin wußte es besser. Sie kam von den Nachbarn herüber, Margaret Dorrance besuchen, wenn Tom unterwegs war, Pferden und Menschen zu helfen. Sie nahm Platz auf den Sofakissen, unbeirrt von Margarets mürrischen Kommentaren. Als die Dorrance in ihr neues Haus zogen, zog "Flipper" mit. |  | Margaret wollte "nie einen Hund, und wenn schon, dann einen großen, derben Kerl, den es nicht kümmert, wenn er nachts draußen schläft. Keinen Spielhund, wie sie und wieviel weniger wohl einen Hund mit nur drei Beinen." Sie hat für den Spielhund fünf Schlafplätze eingerichtet im Haus, weil "Flipper" Abwechslung liebt. Tom "zieht es vor, zu sagen, sie ist Margarets Hund; vor allem, wenn sie Dinge tut, die sie nicht tun sollte." Er sitzt in dem alten Golfcaddy, dass er über die weiten Wegen der Ranch fahren muß, weil seine Beine schwächer sind, als sein Lebenswille. Auf dem Sitz neben ihm liegt ein Kissen aus grober Wolle; darauf klopft Tom oft mit der flachen Hand und sagt sanft zu Margarets Hund: "Komm her, 'old Flip', willst du für eine Weile hier bei mir sitzen?" Die Hündin enttäuscht den alten Mann nie; immer gibt sie sich, als sei sie so gebrechlich wie er.   Die beiden Pferde auf ihrer steil den Hügel abfallenden Weide hinter dem Haus gehören zu Margaret. Tom hat kein eigenes Pferd besessen seit er 1960 die Ranch seiner Eltern verkaufte. Von diesem Tag an hatte er "keine Aufgabe mehr für ein Pferd." Und doch seien immer Pferde um ihn gewesen; er habe sich lange gewundert, woran das lag. Er lacht. "Dann fand ich heraus: Ich bin nur hingefahren, wo Pferde waren." Er reitet auf Margarets Pferden hinaus in die Berge. "Aber nicht mehr so oft und so schnell wie früher". Er sagt, er vermisse das nicht."Ich habe für die Dauer eines Lebens genug auf Pferden gesessen." |  | Tom Dorrance wurde geboren auf einer Viehranch in Oregon. Der Sohn eines Bauern und einer Dorfschullehrerin, das sechste ihrer acht Kinder. Es wog nicht mehr als ein Kilo. "Keiner hatte erwartet, dass ich überlebe", sagt Dorrance. "Aber ich wollte leben; also trank ich und schlief." Das winzige Baby wuchs zu einem zierlichen Kind. Tom Dorrance glaubt, dass sein schmächtiger Körper ihm half, Pferde verstehen zu lernen. "Ich hatte nicht die Kraft, um mit so großen Tieren zu kämpfen; ich mußte einen Weg finden, friedlich mit ihnen zurecht zu kommen." Aber wahrscheinlich hat doch sein Freund recht, der sagt: "Ach, Tom, der hätte ein Bulle von einem Kerl sein können, er hätte es niemals auf andere Art versucht, als er es immer getan hat." Seine Eltern hatten ihm das Gefühl von Freiheit gegeben. "Das heißt nicht, dass ich tun und lassen konnte, was ich wollte. Es gab Richtlinien und Grundsätze nach denen ich handeln mußte, aber ich hatte die Freiheit, Erfahrungen zu machen und zu experimentieren; ich hatte die Möglichkeit, mich selbst zu finden." Dorrance gab den Tieren, mit denen er arbeitete, dieselbe Freiheit. "Ich glaube, sie ist für Tiere so wichtig, wie sie es für mich gewesen ist." |  | | Er erinnert sich als Vierjähriger erstmals auf einem Pferd. Mit zehn ritt er allein hinaus auf die Weiden, kontrollierte die Zäune und sah nach dem Vieh. Die vier Dorrance Jungs ritten die Pferde der Ranch zu und die der Nachbarn. Das brachte fünf bis zehn Dollar für drei Monate Arbeit. Toms Bruder Bill kann sich nicht erinnern, "dass irgendeiner uns viel gesagt hätte, wie man mit einem Pferd umgehen muß. Wir trieben sie in die Umzäunung, fingen sie mit dem Lasso und zogen ihnen ein Halfter über den Kopf. Irgendwie bekamen wir dann den Sattel 'rauf." Bill Dorrance ist mit 92 Jahren so alt, dass er sich auf seiner Ranch nur noch den vergnüglichen Arbeiten gewachsen fühlt: Im Frühjahr und Herbst treibt er zu Pferd die Kälber in die Corrals und fängt sie mit dem Lasso, dass sie gebrannt werden können. |  | Bill sagt, Tom habe es immer leichtgehabt mit den Pferden. "Die arbeiteten gern für ihn. Nur wenige seiner Pferde bockten, und wenn eins das tat, dann wurde es ihn nicht los." Tom habe immer und überall Ärger vermeiden wollen. "Wahrscheinlich hat er deshalb soviel Zeit investiert, herauszufinden, wie Pferde ticken." Er beobachtete sie über Jahre. Wie sie frei liefen, allein und in der Herde. Von Menschen aufgezogene Pferde und wilde Pferde. Dorrance sagt, zu sehen, wie sie sich benahmen, wie sie auf andere Pferde, andere Lebewesen und Dinge reagierten, habe ihn gelehrt, wie er sich ihnen gegenüber verhalten muß, damit sie ihn verstehen und ihm folgen können. "Ich glaube, das ist Instinkt. Es ist etwas, das ich in mir selbst entwickeln mußte, allein, für mich." In diesen Stunden, auf den Pferdeweiden, erkannte Tom Dorrance ein paar entscheidende Dinge über das Leben.   Nachdem seine Eltern gestorben und seine Geschwister fortgezogen waren, verkaufte er die Ranch in Oregon. "Endlich konnte ich tun, wovon ich immer geträumt hatte." Er reiste nach Südamerika, Europa und Afrika. Er kaufte einen kleinen Wohnwagen und zog durch die Vereinigten Staaten. Er arbeitete auf verschiedenen Ranches, ritt junge Pferde ein und alte wieder zurecht. Wenn einer einen "harte Nuß" im Stall stehen hatte, gab er sie Dorrance zu knacken. Kurse für Menschen mit Pferden hat er nie geben wollen; es ergab sich, wie sich alles in Dorrance Leben ergab. |  | Die Menschen kamen zu ihm und baten um seinen Rat. "Mr. Dorrance", sagten sie. "Ich habe ein Problem mit meinem Pferd." Und Dorrance verblüffte sie stets mit der Antwort: "Haben Sie je darüber nachgedacht, dass nicht Sie ein Problem haben mit Ihrem Pferd, sondern dass Ihr Pferd vielleicht ein Problem hat mit Ihnen?" Er versprach, wenn sie ihm nur ein bißchen Zeit gäben, dann werde er ihnen beweisen, dass ihr Pferd im Recht sei. "Das Pferd handelt aus seinem Trieb, sich selbst und die Art zu erhalten; das ist vernünftig, sonst gäbe es längst keine Pferde mehr. Sie müssen es respektieren und danach handeln." Es sei mit Pferden wie mit Menschen. "Sie müssen dem Pferd die Sicherheit geben, dass es tun kann, was Sie erwarten, ohne dass es sich aufgeben muß." Dorrance fand, nicht das Pferd müsse lernen zu verstehen, was sein Mensch von ihm verlangt, sondern der Mensch müsse lernen, sich seinem Pferd verständlich zu machen. Diese Erkenntnis, übertragen auf seine fruchtlosen Versuche, sich den Menschen verständlich zu machen, läßt ihn an sich zweifeln. Er sagt den Teilnehmern seiner Kurse: "So haben all die Jahre, in denen ich mit euch gearbeitet habe, bewiesen, dass ich ein Versager bin: Wenn ich euch hätte helfen können, ihr wäret heute alle nicht hier." Diese Angst ermüdet ihn gegen sein besseres Wissen. |  | Er hat nie behauptet, er könne helfen. Er weiß, was er für sich gefunden hat, kann er nicht weitergeben an Dritte. "Jeder muß es für sich lernen. Es muß aus dem Innern des Menschen kommen und aus dem Innern des Pferdes. Ich kann nur versuchen, den Menschen lernen zu helfen." Er wollte sie bei den Schultern fassen und ihre Aufmerksamkeit wecken für das, was vor sich geht. "Die Menschen müssen lernen, wieder zu sehen, was sie anschauen. Sie müssen ihr Pferd fühlen, um es begreifen zu können." Das kann er nicht für sie tun. Die Erzählungen über einen scheuen Kerl in Kalifornien, der es verstand in die Haut der Pferde zu kriechen, erreichten das amerikanische Fernsehen und die Zeitungen. Tom Dorrance ergab sich den Bitten um Interviews und fand sich zitiert in prächtigen Worten, die nicht seine waren. "Was ich sage, klingt zu einfach, um glaubhaft zu wirken. Die Menschen wollen es kompliziert." "Ich komme nicht mit Menschen zurecht", sagt Dorrance. "Ich denke nicht mehr darüber nach, warum das so ist; ich lebe diese Tatsache nur noch." Es ist nicht Tom Dorrance, der Probleme hat mit den Menschen; die Menschen haben Probleme mit einem wie ihm. Seine Fähigkeit, ins Innere seines Gegenüber zu wittern, bringt ihm die Pferde nahe und verschreckt die Menschen. Als er auf den Ranches arbeitete, eilte Dorrance die Warnung voraus. "Der weiß was du denkst, noch bevor du es gedacht hast." Soviel Einsicht schafft Unbehagen. |  | An einem Wochenende im Frühjahr ist Dorrance in Texas, im Stall des Trainers Jack Brainard, eine Autostunde von Dallas. Er soll Ranchern, Freizeitreitern und Turnierprofis den Umgang mit ihren Pferden erleichtern und das Einreiten von sechs Jungpferden leiten. In der Arena der Reithalle ist mit Metallgittern ein "Round Pen" aufgestellt, ein runder Trainingsplatz von 15 Metern Durchmesser; darin laufen die ungerittenen Pferde. 30 Menschen reiten außerhalb des Round Pen und warten, dass Dorrance ihre Probleme sieht und sie löst. Margaret Dorrance sitzt unter den Zuschauern in der Halle; ihr Mann auf einem Podest an der Längsseite der Arena, ein Glas Wasser und ein Mikrofon vor sich auf der Brüstung.   Seit zwei Jahren reitet Dorrance die Pferde während der Kurse nicht mehr; nur selten berührt es eins. Er ist zu alt, sich nach seiner Erfahrung richten zu können: "Sieh zu, dass zwischen dir und einem Pferdhuf immer ein Zentimeter Platz bleibt." "Vielleicht ist es besser so", sagt er. "Vielleicht bin ich heute wertvoller als in all den Jahren; weil die Menschen gezwungen sind, selbst etwas zu tun." Er lacht scheu. "Das war nur ein Scherz." Dorrance hat nie gewagt, an den Wert seiner Arbeit zu glauben. Er sitzt von morgens früh bis zum späten Nachmittag auf dem Podest und beobachtet mit disziplinierter Aufmerksamkeit Menschen und Pferde. Er sieht jede Bewegung der Pferde und weiß sie zu deuten. Fast immer bevor sie geschieht. Seine Vorschläge, was der Reiter tun könnte, sind technisch präzise. Doch was ihren Sinn betrifft oft verwirrend. Manchmal fragt einer: "Meinst du das ernst?" "Mal sehen", sagt Dorrance. "Wenn's klappt, hab' ich es ernst gemeint; wenn nicht, war es ein Scherz." |  | Im Round Pen steht ein Rancher mit dem Rücken am Gitter. Ein struppiger Kerl, grau, in Jeanshemd und roten, kniehohen Boots über den Rodeojeans. Am Gitter ihm gegenüber lauert ein Pferd, struppig und grau wie sein Mensch, nur dürrer. Der Mann wagt nicht, ihm nahe zu kommen. Es hat ihn gebissen. Es hat nach ihm geschlagen. Es hat ihn niedergerannt. Er will, dass Dorrance ihm sagt, wie er es zureiten kann. Dorrance sagt: "Streichel dein Pferd." Der Mann sieht ihn stumm an. Dorrance singt: "Strei - chel deiiin Pferd." Der Mann sieht hinüber zum Pferd. Es wartet. Dorrance sagt: "Geritten werden ist nicht sein Problem; sein Problem ist Mißtrauen, es braucht Sicherheit. Geh' hinüber und streichele es." Und: "Die Leute sehen nur das eine, große Problem; für die vielen kleinen Probleme, die sie zu dem großem haben wachsen lassen, sind sie blind. Könnten sie die kleinen Probleme erkennen und lösen, sie würden kein großes Problem haben." Der Mann wagt ein paar Schritte zur Seite des Pferdes, seinen Arm weit nach vorne gestreckt. Dorrance singt mit hoher Stimme: "Soommhsoojaaruuhiigsoojaammhruuhiig." Die Fingerspitzen des Mannes streifen Fell. Das Pferd springt vor, schlägt sein linkes Hinterbein nach dem Mann; er stürzt unberührt rückwärts. Dorrance klatscht die Hände zusammen und ruft: "Gut für dich! Es hat dich nicht erwischt. Diesmal laß es nicht zu lange warten, geh zu ihm. Jetzt!" Das Pferd schlägt nach jeder Berührung, einen Tag lang; dann steht es unter den Händen des Mannes still. Am zweiten Tag reitet er es. Dorrance lacht. "Ich wette, du hast gestern geglaubt, wir würden nie so weit kommen. Siehst du, Langsamgehen ist oft die schnellste Art, sein Ziel zu erreichen." |  | Dorrance sagt ins Mikrofon: "Ihr lernt nicht in dieser Arena; hier gebe ich euch nur eine Idee. Lernen müßt ihr zuhause, von euren Pferden und euren Fehlern." Er erzählt die Geschichte des alten Mannes, der so sicher die richtigen Entscheidungen traf, und wie der junge Mann den alten fragte: "Wie kommt es, dass du dich immer richtig entscheidest?" Das ermögliche ihm seine Erfahrung, habe der Alte gesagt. Der Junge habe gewartet, diesen Satz erkärt zu bekommen, aber der Alte schwieg. "Und woher nimmst du deine Erfahrung", fragte der junge Mann schließlich ungeduldig. Der alte Mann antwortete ruhig: "Aus all den falschen Entscheidungen, die ich in meinem Leben getroffen habe." Tom Dorrance wünscht, die Menschen hätten den Mut und die Geduld so zu lernen. Er sagt: "Was ihr von mir erwartet, ist unmöglich. Ich kann nicht innerhalb von drei Tagen 87 Jahre Erfahrung an euch weitergeben." Er wünscht, diese Menschen kämen nicht mehr zu ihm, die erwarten, ihr Ziel mühelos zu erreichen. Die hoffen, er sei ihr Heiler mit der Medizin gegen ihre Probleme. Selbstverständlich kommen sie doch. Und sie bringen nicht einmal genügend Mut und Geduld mit, ihm zuzuhören." |  | Ein Mann reitet vor Dorrance Podest und sagt: "Tom, dieses Pferd hat ein Problem." Dorrance singt hoch und ungemütlich: "Mm - mh." "Es wendet rechtsherum schneller als linksherum", sagt der Mann. Tom Dorrance sieht auf die Sporen des Mannes und sagt: "Schau, wenn ein Kind anfängt, reiten zu lernen, sind das erste, was es haben will, Sporen. Sie sind das letzte, was das Kind braucht. Die Kunst ist nicht, zu wissen, wie man Sporen benutzt; die Kunst ist, zu wissen, wie man ohne sie auskommt." Die Augen des Mannes äußern seinen Ärger: Er will eine Antwort auf seine Frage. Dorrance sagt mitleidlos: "Ich weiß, du glaubst, du hättest verstanden, was ich gesagt habe; aber ich bin mir nicht sicher, ob du verstehst, dass, was du gehört hast, nicht das ist, was ich meine." "Die Menschen haben es eilig, ihr Ziel zu erreichen", sagt Dorrance. "Sie wollen die Antwort auf ihre Frage sofort; eine oberflächliche Antwort wäre ihnen genug. Aber ich kann ihre Frage nicht beantworten, ohne über die kleinen Dinge zu reden, die ihre Frage bedingen." Er gibt Hinweise, keine Lösung. Er will die Menschen zum Denken bringen, dass sie die Lösung selbst finden. "Vielleicht ist es dann eine Erfahrung von Wert und Dauer." Margaret sagt, vor Jahren sei Tom einmal so weit gewesen, dass er nicht mehr wollte. Ich verschwende meine Zeit, klagte er, die Menschen hören mir einfach nicht zu. "Wieder und wieder muß ich das Gleiche erklären; für Nichts." dass sie dreihundert Dollar hergaben, ohne sich um einen Gegenwert zu bemühen, bestätigte Dorrance sein Gefühl, dass die Menschen gleichgültig sind. |  | "Wenn sie nicht zuhören, Tom, ist das nicht dein Problem", sagte Margaret. "Wenn ihnen egal ist, ob sie für ihr Geld etwas mitnehmen, darf dich das nicht kümmern. Du hast dein Bestes gegeben. Und wenn unter 20 Teilnehmern einer ist, der etwas von dem, was du sagst, mit nach Hause nimmt, für sich und sein Pferd, dann hast du einem Pferd geholfen." Dorrance versprach, es so zu sehen. Seine Enttäuschung hat das nicht gemildert. Er sagt gerade laut genug in sein Mikrofon: "Ich versuche seit Jahren, die Pferde Glauben zu machen, die Menschen seien besser, als sie wirklich sind." Er murmelt noch, Margaret bitte ihn immer, das nicht mehr zu sagen. "Aber ich habe das Gefühl, dass ich es sagen muß." Als der kleine schwarzbraune Hengst nicht über das Stück Plane in der Arena gehen will, arbeitet Dorrance die neun Stunden durch. 29 Pferde haben sich über die Plane gewagt; der Hengst aber steht zwei Meter vor dem raschelnden Monster in Blau, steifbeinig gespreizt, die Haut über den zitternden Muskeln gespannt. Seinen Hals hält er in weitem Bogen gesenkt. Er bläst aus aufgerissenen Nüstern sein Entsetzen über den Sand. Die Verzweiflung des Pferdes macht Dorrance zu seiner Verzweiflung. Bei jedem Versuch des Besitzers, sein Pferd hinüberzuführen, immer auf neue, von Dorrance erdachte Weise, steht Dorrance auf seinem Podest. Weit in Richtung des Pferdes geneigt; seine Arme hat er auf die Brüstung gestemmt, dass sie unter der Anspannung zittern. Er nimmt nichts mehr wahr, als diesen kleinen Hengst. |  | Nach drei Stunden vergeblicher Mühe ruft Dorrance: "Ihr wißt, ich kann nicht zurückfliegen nach Kalifornien, solange dieses Pferd nicht über die Plane gegangen ist." Das ist kein Scherz. Dorrance braucht noch eine Stunde bis er etwas findet, das dem Hengst über seine Angst und das Plastik hilft. Mit je einem Seil um die Vorderbeine des Pferdes heben zwei Männer die Beine im Wechsel vorsichtig an und setzen sie Schritt für Schritt weiter nach vorn. Auf die Plane. Über die Plane hinweg. Beim dritten Mal geht der Hengst ohne Seile, beim fünften Mal geht er unter dem Reiter. Auf seinem Podest glüht Dorrance vor Glück. Die Menschen kommen zu ihm mit der Regelmäßigkeit, mit der man einen Therapeuten aufsucht. Wenn ihren Enthusiasmus, mit dem sie vom letzten Kurs heimgekehrt sind, der Alltag mit ihrem Pferd aufgefressen hat, sind sie wieder da. Dorrance hätte seine Gebühr verdoppeln und 40 Kurse im Jahr geben können; die Anfragen reichten aus. Er hätte sich an der Mutlosigkeit der Menschen maßlos bereichern können. Aber Tom Dorrance steht da mit müdem Gesicht und sagt: "Wenn ihr doch nur zu Hause bliebet und an euch arbeiten würdet; ihr könntet das Geld für all diese Kurse sparen." Lieber verkaufen die Leute das Pferd. "Vielleicht ist das der klügere Weg", sagt Dorrance ergeben. "Bevor dieses Pferd sie irgendwann umbringen wird. |  | Er gab genug Kurse, dass seine Einnahmen reichten zum Leben. Mehr wollte er nicht. Er hat keine Lehrvideos aufgenommen, die sich teuer verkaufen lassen. Und als die Verlegerin Milly Hunt Porter, die Frau seines besten Freundes Ray Hunt, ihn bat, ein Buch zu schreiben, rief er erschrocken: "Milly, was denkst du! Es ist schon schwer genug, wenn ich mit dem Pferd und seinem Menschen in der Arena stehe, und beiden Auge in Auge erklären muß, was ich meine. Es in einem Buch zu erklären, das ist ganz und gar unmöglich." Milly Hunt Porter gab Dorrance nicht nach. Sie sagte: "Für meine Kinder will ich es gedruckt haben, Tom; dass sie es später nachlesen und damit arbeiten können." Dorrance zieht die Schultern hoch und seufzt: "Was konnte ich dagegen sagen?" Sein Buch heißt "Tom Dorrance spricht über Pferde. Wahre Einheit und willige Kommunikation zwischen Pferd und Mensch." Er fürchtet, die Menschen könnten weniger herauslesen, als er ihnen hineingeschrieben hat. Einmal im Jahr prüft er jeden Satz neu auf seine Richtigkeit. Eine Dame kam aus der Schweiz und bat, das Buch übersetzen zu dürfen. Tom Dorrance sagte: "Unmöglich." Diesmal blieb er dabei. "Es geht nicht", sagt er. "In einer anderen Sprache wird es nicht mehr das sein, was ich gesagt habe." | Die unsinnigste aller Fragen wiederholt Tom Dorrance, ein wenig zum Frager geneigt, als hoffe er noch, es seien doch seine Ohren, die nicht verstanden haben: "Was sehe ich in einem Pferd?" Er schüttelt nachsichtig den Kopf. "Ich sehe ein Pferd." Er muß eine befriedigendere Antwort haben, als diese eine, schlichte. Es muß eine Bedeutung geben, die schwerer wiegt. Also, wenn es ein Pferd ist, das er sieht, was macht dieses Pferd für ihn zu etwas Besonderem? "dass es ein Pferd ist," sagt Dorrance. Er hebt seine Schultern und lächelt mild. "Sehen Sie, ich kann diese Aussage um nichts verbessern." Dieser Text wurde uns freundlicherweise von Antje Potthoff zur Verfügung gestellt. Vielen Dank an dieser Stelle! | | zurück zum Anfang |  |
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